FAQ & Presse

ExpertInnen der Österreichischen Bodenkundlichen Gesellschaft geben Antworten zu aktuellen bodenkundlichen Fragen und stellen ihre Antworten auf Presse- und Medien-Anfragen zur Verfügung:

Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c. mult. Martin Gerzabek
Martin Gerzabek
Dr. Andreas Baumgarten
Andreas Baumgarten



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Beiträge in Printmedien





Häufig gestellte Fragen


  • Wo sind denn im Moment die Böden, die uns ernähren? Wie viel davon liegt in Österreich?

    Global: werden 4,8 Milliarden ha landwirtschaftlich genutzt (FAO 2018). Davon sind ca. 1/3 Ackerflächen und 2/3 Weiden und Wiesen. seichtgründigere
    Die Weltregionen, die wesentlich zur Nahrungsmittelproduktion beitragen sind: Europa, USA/Kanada – „Corn Belt“, Ost und Südost-Asien, der indische Subkontinent und die Himalaya-Region, Indonesien, Südost- und Südwestaustralien, Südafrika, Südamerika – insbesondere Brasilien.

    Eine globale Frage ist jene der weltweiten Unterernährung. Diese ging von14,7 % Prozent im Jahr 2000 auf 10,8 Prozent im Jahr 2013 deutlich zurück. Danach verlangsamte sich diese Entwicklung und kam zwischen 2013 und 2015 praktisch zum Stillstand. In jüngerer Zeit kam es wieder zu einem Anstieg des Anteils der unterernährten Weltbevölkerung, nämlich auf knapp 11% im Jahr 2017.Das entspricht einer Anzahl von 815 Millionen Menschen, gegenüber 777 Millionen im Jahr 2015. Zu beachten ist, dass die Weltbevölkerung stark weiter steigt. Eine Reduktion der Prozentsätze der Weltbevölkerung, die unterernährt sind, bedeutet nicht unbedingt eine Abnahme der absoluten Zahlen. Afrika südlich der Sahara ist weiterhin besondere Problemregion mit der höchsten Unterernährungsrate, von 23,2% im Jahr 2017. Besonders dringlich ist die Situation in Ostafrika, wo schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung unterernährt ist. Im Gegensatz dazu bleibt die Unterernährung in Lateinamerika gering (ca. 5%)

    Zu Österreich: Der weitaus größte Teil der tatsächlich für Landwirtschaft geeigneten Böden wird in Österreich auch für Landwirtschaft genutzt. Die landwirtschaftliche Fläche beträgt derzeit in Österreich 2,67 Millionen ha (Statistik Austria, 2016): diese umfasst ca. 44% Ackerflächen, ca. 54% intensives und extensives Grünland, sowie Obstbau, Weinbau und Spezialkulturen. Der Anteil der landwirtschaftlichen Fläche Österreichs an der weltweiten Fläche beträgt ca. 0,055%.

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Wo sind die gravierendsten Ausfälle in der Nahrungsmittelproduktion zu erwarten? Was wird uns der Klimawandel bescheren? Welche anderen Faktoren bedrohen den Boden sonst noch?

    Klimawandel: Bis zu einem gewissen Punkt können wärmere Temperaturen das Wachstum bestimmter Pflanzen in einigen Teilen der Welt begünstigen. Wenn jedoch die Temperaturen das optimale Niveau der Pflanzen überschreiten oder wenn nicht genügend Wasser und Nährstoffe zur Verfügung stehen, werden die Erträge wahrscheinlich sinken. Im Allgemeinen wird es in höheren Breitengraden zu geringeren Ertragsverlusten oder sogar zu Ertragsgewinnen kommen, während in niedrigeren Breitengraden größere Ertragsverluste erwartet werden. Die Auswirkungen sind jedoch standortspezifisch und variieren stark zwischen den einzelnen Kulturen und Regionen. Darüber hinaus deuten einige Studien darauf hin, dass die Ernährungsqualität wichtiger Nahrungspflanzen unter dem Klimawandel leiden könnte. Prognosen zeigen für 2100 eine deutliche Ausweitung der nutzbaren Bodenflächen in Russland (ca. 50%) durch Rückzug der Permafrostgrenze nach Norden (also der Gebiete, in denen die Böden ständig gefroren sind) und parallel dazu die Verschiebung der Getreideanbaugrenze nach Norden. China und USA werden tendenziell ebenfalls dazugewinnen, Europa, Afrika und Südamerika eher verlieren. In Europa werden sich im Norden neue Möglichkeiten eröffnen, während der Mittelmeerraum durch verstärken Niederschlagsmangel stark unter Druck geraten wird. In Österreich ist aufgrund zunehmender Trockenheit ein Rückgang der Bodenfruchtbarkeit im Osten zu erwarten und eine zunehmende Bewässerungsnotwendigkeit.

    Weitere wesentliche Faktoren die, die Bodenfruchtbarkeit negativ beeinflussen sind: Versiegelung und Degradation der Böden wobei diese viele Ursachen haben kann: Desertifikation, Erosion; Verdichtung, Abnahme der organischen Bodensubstanz und Kontamination.

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Versiegelung, Erosion, Kontamination -wo spielen diese Elemente der Bodenzerstörung eine Rolle? Vieles passiert ja vermutlich auf der Welt, ohne unsere Aufmerksamkeit zu erregen.

    Warum werden die besten Böden verbaut: Die Geschichte der Sesshaftwerdung des Menschen ist ganz eng mit der Naturgeschichte der Böden verbunden. Nur dort, wo sich die jungsteinzeitlichen Menschen nachhaltig ernähren konnten, haben sie sich auch niedergelassen. Daher befinden sich oftmals auch heute große Städte in besonders fruchtbaren Gebieten. Dies führt automatisch dazu, dass mit zunehmenden Bevölkerungszahlen und einer derzeit rasanten Urbanisierung (100-150 Mio Menschen ziehen pro Jahr in die Städte weltweit) gerade die besten Böden verbaut werden. Auch in Österreich ist diese Tendenz stark zu beobachten. Gerade im Umfeld von Wien, das viele sehr fruchtbare Böden (die Schwarzerden) aufweist, erwarten wir eine noch weitere Zunahme der Bevölkerungsdichte – etwa um 30% bis 2050 – mit allen erwartbaren Auswirkungen auf die Flächen – Infrastruktur, Gewerbeflächen, Verkehrsflächen und Wohnraum. Eine spezifische Herausforderung in Österreich ist die große Fläche, die die Alpen einnehmen. In den inneralpinen Tälern befinden sich die jeweils fruchtbarsten Böden. Genau dort muss aber alles Platz finden: Landwirtschaft, Siedlungsgebiete, Gewerbe, Verkehrsinfrastruktur, zumeist ein Flusslauf etc.. Die Nutzungskonflikte sind vorprogrammiert.

    Erosion ist weltweit gesehen ein enormes Problem. Durch Erosion gehen einerseits besonders fruchtbarer Oberboden verloren und andererseits werden Nährstoffe in die Flüsse und die Meere transportiert, was die aquatischen Systeme belastet. Schätzungen berichten von ca: 650 Millionen ha, die in Asien durch Wind- und Wasser-Erosion betroffen sind, in Afrika ca. 400 Mio ha und jeweils zwischen 100 und 200 Mio ha in Europa, Australien, Nord- und Südamerika.

    Kontamination ist ein weiterer wichtiger Faktor. Die Quellen von Schadstoffen, die in die Umwelt und somit fast immer in den Boden gelangen sind vielfältig. Das beginnt bei der landwirtschaftlichen Nutzung: mineralische und organische Dünger (auch die Hofdünger) und Pflanzenschutzmittel enthalten Schwermetalle und organische Schadstoffe. Weitere Quellen sind Einträge aus der Luft (Industrie, Hausbrand, Verkehr, etc.); Wässer die von Hausdächern, Fassaden und Straßen abgeschwemmt werden tragen ebenfalls Schadstoffe ein. Weitere Quellen sind frühere „Entsorgungen“ von Klärschlamm, Schlacken etc.. Während sich die Situation bezüglich Schadstoffeintrag in den Ländern des globalen Nordens deutlich verbessert hat, sind in vielen Ländern des globalen Südens die Probleme ungebrochen groß.

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Wie ist das mit der Eigenversorgung? Zumindest früher hatte ich den Eindruck, war das etwas sehr Wichtiges. Bei einigen Feldfrüchten kann man noch Zahlen zum Anteil Deckung des Eigenbedarfs finden (bei den Getreidesorten zum Beispiel), bei Obst und Gemüse ist das aber ganz unklar. Zumindest die Ware im Supermarkt kommt größtenteils aus dem Ausland. Ist Eigenversorgung ein agrarpolitisches Ziel?

    Für das Jahr 2018/2019 wurden folgende Selbstversorgungsgrade von der Statistik Austria publiziert:

    • Getreide: 87%
    • Kartoffel: 83%
    • Obst: 59%
    • Gemüse: 54%
    • Ölsaaten: 48%
    • Pflanzliche Öle: 28%
    • Wein: 108%
    • Bier: 104%
    • Rind- Kalbfleisch: 142%
    • Schweinefleisch: 102%
    • Schaf-, Ziegenfleisch: 75%
    • Geflügel: 72%
    • Fleisch gesamt: 109%
    • Eier: 86%
    • Konsummilch: 170%
    • Butter: 69%
    • Käse: 97%

    Defizite in der Selbstversorgung zeigen sich daher insbesondere bei den pflanzlichen Produkten und hier besonders bei Obst, Gemüse, Ölsaaten. Eigenversorgung scheint kein definiertes politisches Ziel mehr zu sein – im Gegensatz den Nachkriegsjahrzehnten. Tatsächlich hat uns die Covid-19 Krise gezeigt, dass unsere Versorgung mit Lebensmittel durchaus vulnerabel ist. Zum Beispiel hätten längere Grenzsperren die internationalen Warenströme noch stärker beeinflusst und somit die Kompensation der nicht im Land produzierten Lebensmittel reduzieren können. Eine höhere Resilienz in der Lebensmittelversorgung wäre jedenfalls sicher zu stellen.

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Wie sind gute, ertragreiche Böden verteilt? In Österreich -und international? Wieso wird seit Langem gerade auf den besten Böden gebaut? -Täler, Ebenen…

    Die Weltregionen, die wesentlich zur Nahrungsmittelproduktion beitragen sind: Europa, USA/Kanada – „Corn Belt“,Ost und Südost-Asien, der indische Subkontinent und die Himalaya-Region, Indonesien, Südost- und Südwestaustralien, Südafrika, Südamerika – insbesondere Brasilien.

    Die Bodenfruchtbarkeit hängt stark vom Standort ab und wird durch das geologische Ausgangsmaterial, das Klima, die Bodenentwicklung und die Bodennutzung ganz wesentlich beeinflusst. Österreich: seichtgründige Böden mit ca. 15 cm Mächtigkeit können bereits für extensives Grünland im Gebirge verwendet werden; der Qualitätsweinbau bevorzugt manchmal ebenfalls eher seichtgründige, nicht zu nährstoffreiche Böden. Die meisten Ackerböden zeigen Mächtigkeiten von zumindest 25 cm bis ca. 2m Tiefe in Österreich, wobei die seichtgründigen Böden aufgrund der geringen Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit im Regelfall weniger fruchtbar sind. Dies drückt sich in der sogenannten Bodenzahl aus, die dann durch Klimadaten ergänzt zur Ackerzahl wird, die dann als Grundlage für die Einheitswertberechnung eines landwirtschaftlichen Betriebes herangezogen wird. Die Fruchtbarkeit des Standortes selbst ergibt sich daher im Wesentlichen aus dem vorhandenen Bodentyp, der Profiltiefe, den verfügbaren Nährstoffgehalten, den klimatischen Verhältnissen und der Wasserbilanz des Standortes. Die Bewirtschaftung kann die Bodenfruchtbarkeit wesentlich beeinflussen.

    In Österreich finden sich besonders fruchtbare Böden im Nordöstlichen Flach- und Hügelland, dem Alpenvorland, dem Südöstlichen Flach- und Hügelland, dem Kärntner Becken. Im Bereich der Alpen befinden sich die fruchtbarsten Böden in den Tallagen.

    Global gesehen, ist es im Prinzip ähnlich. Seichtgründige, weniger fruchtbare Böden können für Weidehaltung herangezogen werden. Ackerflächen können in den Tropen noch wesentlich tiefgründiger sein als in Österreich (mehrere Meter), aber trotzdem nicht unbedingt fruchtbarer, aufgrund niedriger pH Werte, geringem Nährstoffspeichervermögen u.a.m.. Es erscheint zunächst paradox, dass die größte Nettoprimärproduktion, also der tatsächliche Biomasse-Zuwachs, in den Tropen am größten ist (ca. 1200 g organischer Kohlenstoff pro m² und Jahr im Vergleich zu gemäßigten Klimazonen: ca. 600 – 800 g OC pro m² und Jahr, Haberl et al. 2007. Quantifying and mapping the global human appropriation of net primary production in Earth’s terrestrial ecosystem. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA. 104: 12942-12947 ), aber trotzdem viele sehr alte, hoch verwitterte tropische Böden nicht wirklich nachhaltig eine intensivere Produktion erlauben. Die zwar oft tiefgründigen Böden sind meist sehr sauer, zeigen daher erhöhte Aluminium-Toxizität (Aluminium schädigt sehr stark die Wurzeln), sind schlecht gepuffert, können Nährstoffe kaum pflanzenverfügbar binden. Der Regenurwald ist nährstofftechnisch ein Mangelökosystem, der aber hoch effizient die Pflanzennährstoffe in einem komplexen System im Kreis führt. Ist dieser Nährstoffkreislauf unterbrochen, ist der Boden rasch ausgelaugt und dann oft nur mehr als Weideland zu gebrauchen.

    Warum werden die besten Böden verbaut: Die Geschichte der Sesshaftwerdung des Menschen ist ganz eng mit der Naturgeschichte der Böden verbunden. Nur dort, wo sich die jungsteinzeitlichen Menschen nachhaltig ernähren konnten, haben sie sich auch niedergelassen. Daher befinden sich oftmals auch heute großen Städte in besonders fruchtbaren Gebieten. Dies führt automatisch dazu, dass mit zunehmenden Bevölkerungszahlen und einer derzeit rasanten Urbanisierung (100-150 Mio Menschen ziehen pro Jahr in die Städte weltweit) gerade die besten Böden verbaut werden. Auch in Österreich ist diese Tendenz stark zu beobachten. Gerade im Umfeld von Wien erwarten wir eine noch weitere Zunahme der Bevölkerungsdichte – etwa um 30% bis 2050 – mit allen erwartbaren Auswirkungen auf die Flächen – Infrastruktur, Gewerbeflächen, Verkehrsflächen, Wohnraum. Eine spezifische Herausforderung in Österreich ist die große Fläche, die die Alpen einnehmen. In den inneralpinen Tälern befinden sich die jeweils fruchtbarsten Böden. Genau dort muss aber alles Platz finden: Landwirtschaft, Siedlungsgebiete, Gewerbe, Verkehrsinfrastruktur, zumeist ein Flusslauf etc.. Die Nutzungskonflikte sind vorprogrammiert.

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Sind Bodengüteklassen noch immer kein Widmungskriterium in der Raumplanung?

    In Österreich verbessert sich die Situation in dieser Richtung. Mein seinerzeitiger Dissertant Dr. Hans-Peter Haslmayr entwickelte in seiner Dissertation eine Methodik, die Bodenfunktionen in Österreich regional und lokal auf Basis vorhandener Daten der Finanzbodenschätzung und der landwirtschaftlichen Bodenkartierung zu bewerten. Auf Basis dieser Methodik wurde eine Richtlinie des Fachbeirates für Bodenfruchtbarkeit und Bodenschutz (https://www.ages.at/download/0/0/7cf47d49dad196e6c46c8a25df08c715f329e6a2/fileadmin/AGES2015/Service/Landwirtschaft/Boden_Datein/Broschueren/bodenfunktionsbewertung_web.pdf) und eine ÖNORM entwickelt. In Oberösterreich gibt es zum Beispiel schon einige Gemeinden, die diese Methodik in die lokale Raumordnung einfließen lassen.

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Wie weit lassen sich die Erträge auf vorhandenen Flächen noch steigern? Und wenn man nachhaltig wirtschaften möchte? Kann die Landwirtschaft der Zukunft eine industrielle sein, oder muss man zurück zu kleinteiligen, vielleicht auch arbeitsintensiveren Bearbeitungsmethoden?

    Wenn man die Welternährung im Auge hat, ist zunächst abseits der Produktion das Problem der Nahrungsmittelverluste unbedingt weiter zu verfolgen. In Ländern des Globalen Südens gehen oft bis zu 50% der Erntemengen durch Nachernteverluste (z. B. während der Lagerung) verloren, im Globalen Norden ca. 30% durch Lebensmittelverschwendung. Würden wir diese Mengen drastisch reduzieren, wäre der Druck auf die Fläche wesentlich geringer.

    Ein weiterer Themenschwerpunkt sind die Ernährungsgewohnheiten. Der Flächenanspruch der tierischen Produktion ist wesentlich größer als jener für pflanzliche Nahrungsmittel. Konsum von Fleisch, das mit Futtermitteln produziert wird, die auf Ackerflächen produziert wurden, erzeugt Konkurrenz zu der Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel, die wesentlich weniger Fläche (und auch Wasser) pro Kalorie verbrauchen. Ausgenommen ist hier die Weidehaltung auf extensiv bewirtschafteten Böden, die nicht für Ackernutzung herangezogen werden können. Diese sind eigentlich nur mit Viehwirtschaft effizient nutzbar. Die zunehmende Urbanisierung führt zu einer noch größeren Nachfrage an tierischen Lebensmitteln, da sich die Ernährungsgewohnheiten der Menschen verändern, wenn sie vom Land in die Stadt ziehen. Dadurch verschärft sich die Problematik.

    Nun zu den Erträgen. Ja, es gibt die Möglichkeit die Erträge noch signifikant zu steigern. Wir sprechen von den „Erntelücken“. Diese sind die Differenz der maximal erzielbaren Erträge und den tatsächlich erwirtschafteten Erträgen. Im Globalen Norden sind diese Erntelücken kleiner als im Globalen Süden. Aufgrund der bodenkundlichen und klimatischen Gegebenheiten ist die Ausweitung des Ackerbaues vor allem in den bereits stark genutzten Regionen und deren Randgebieten möglich. Allerdings werden in einigen Regionen (z.B. Indonesien, Indischer Subkontinent) bereits 80% oder mehr der gesamten Biomasseproduktion vom Menschen genützt. Trotzdem würde gemäß Prognosemodellen ein 95%iges Schließen der Erntelücken bei den 16 wichtigsten Kulturpflanzen einen Zuwachs von 58% der derzeitigen Gesamternten bedeuten (Foley et al., 2011, nature 478, 337-342). In Europa ist es vor allem die Donau-Schwarzmeerregion, in der die Produktion in nachhaltiger Weise erhöht werden könnte.

    Die „nachhaltige Intensivierung“ der Landwirtschaft ist ein relativ junger Begriff. Dabei geht es eine behutsame Intensivierung der Produktion bei gleichzeitigem langfristigem Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Eine Studie der RISE Foundation kommt zum Schluss, dass 41 der Böden in der EU (ohne Kroatien, Bulgarien und Rumänien, aber noch mit UK) für eine nachhaltige Intensivierung geeignet wären.

    Wie müssen wir unsere Anbausysteme verändern? Die Anbausysteme müssen vor allem effizient sein: das umfasst die Energieeffizienz, die Nährstoffeffizienz und die Effizienz der Wassernutzung. Produzierte Biomasse muss in geschlossenen Kreisläufen genutzt und die Reststoffe dem Boden wieder zugeführt werden. Damit kann man auch ein teilweises Schließen der Nährstoffkreisläufe sicherstellen. Bodenversiegelung, Erosion und Bodendegradation muss weitgehend reduziert werden. Innovative Fruchtfolgen, minimalinvasive Bodenbearbeitungsverfahren, effiziente Beregnungssysteme, intelligente Pflanzenzüchtung und verbesserte Nacherntetechnologien sind sicher maßgeblich für eine langfristig auf Nachhaltigkeit ausgerichtete bodenschonende Landwirtschaft. Dabei sollte es keine Tabus geben. Agroforstsysteme, die in den Tropen immer mehr Bedeutung bekommen, könnten auch in Europa sehr interessant werden. Erste Ansätze dazu gibt es bereits.

    Wesentliche Herausforderungen und mögliche Lösungsstrategien:

    • - Peak Phosphor (zur Neige gehen der fossilen Phosphorreserven): Kreislaufwirtschaft
    • - Versiegelung – Flächenverlust: Raumordnung
    • - Energieaufwand – N- Düngung: Einsatz von Leguminosen
    • - Bodendegradation – Erosionsminderung: Minimalbodenbearbeitung, ganzjährige Vegetationsbedeckung
    • - Biodiversitätsverlust: abwechslungsreiche Fruchtfolge/Landnutzung, Biodiversitätsflachen
    • - Bodendegradation: Humusaufbau zur Verbesserung der bodenphysikalischen Eigenschaften, Wasserspeicherkapazität, Verringerung der Erosionsneigung, Verbesserung der Nährstoffspeicherungskapazität, etc.
    • - Wasserknappheit (derzeit werden bereits 70% der erneuerbaren Wasserressourcen für Bewässerungszwecke herangezogen): Wassereffizienz der Pflanzenbestände und der Bewässerungssysteme

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Die Hauptfrage kann man vielleicht so zusammenfassen: Was kommt auf uns zu in der Pflanzenproduktion und wie sollten wir uns darauf vorbereiten -bezogen auf den fruchtbaren Boden?

    Die Nahrungsmittelproduktion ist auf die Böden als wichtigste natürliche Ressource angewiesen: nährstoffreiche und hochwertige Nahrungs- und Futtermittel können nur produziert werden, wenn unsere Böden gesund sind. Ein gesunder, lebendiger Boden ist daher ein entscheidender Bestandteil der Lebensmittelsicherheit und Ernährung. Die größten Herausforderungen jetzt und in der Zukunft sind die unterschiedlichen Nutzungsansprüche in Bezug auf die endliche Ressource Boden, die Verbesserung der bereits jetzt ca. 33% degradierten Böden weltweit und die Implementierung bodenschonender Bewirtschaftungsweisen bei gleichzeitiger Optimierung der Erträge. Dabei ist aus meiner Sicht vor allem wissens- bzw. wissenschaftsbasiert vorzugehen. Ganz wichtig dabei ist die Standort-angepasste Bewirtschaftung, die maßgeschneidert sein muss. Weder ökologischer Landbau wird alle Probleme alleine lösen noch die Präzisionslandwirtschaft. Es geht um die sinnvolle Kombination von Verfahren und Technologien, um langfristig die Ernährung der Menschheit sicher zu stellen.

    Frage von Robert Gordon, Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin H. Gerzabek
    23.4.2021

  • Wieviel Prozent der Landfläche (Österreich wie global) gelten als fruchtbar, bzw. für die Landwirtschaft geeignet?

    Der weitaus größte Teil der tatsächlich für Landwirtschaft geeigneten Böden werden in Österreich auch für Landwirtschaft genutzt. Die landwirtschaftliche Fläche beträgt derzeit in Österreich 2,67 Millionen ha (Statistik Austria, 2016): dies umfasst ca. 44% Ackerflächen, ca. 54% intensives und extensives Grünland, sowie Obstbau, Weinbau und Spezialkulturen.

    Global: werden 4,8 Milliarden ha landwirtschaftlich genutzt (FAO 2018).

    Frage von Alfred Schwarzenberger Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin Gerzabek
    16.2.2021

  • Wie tief reicht die fruchtbare Schicht des Bodens?

    Nun, dies ist sehr stark von Klima und Ausgangsmaterial der Bodenbildung abhängig. So können seichtgründigere Böden mit ca. 15 cm Mächtigkeit bereits für extensives Grünland im Gebirge verwendet werden; der Qualitätsweinbau bevorzugt manchmal ebenfalls eher seichtgründigere, nicht zu nährstoffreiche Böden. Die meisten Ackerböden zeigen Mächtigkeiten von zumindest 25 cm bis ca. 2m Tiefe in Österreich, wobei die seichtgründigen Böden aufgrund der geringen Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit im Regelfall weniger fruchtbar sind. Dies drückt sich in der sogenannten Bodenzahl aus, die dann um Zu-und Abschläge aufgrund des Klimas ergänzt zur Ackerzahl wird, die dann als Grundlage für die Einheitswertberechnung eine landwirtschaftlichen Betriebes herangezogen wird. Die Fruchtbarkeit des Standortes selbst ergibt sich daher im Wesentlichen aus dem vorhandenen Bodentyp, der Profiltiefe, den verfügbaren Nährstoffgehalten, den klimatischen Verhältnissen und der Wasserbilanz des Standortes.

    Global gesehen, ist es im Prinzip ähnlich. Seichtgründigere, weniger fruchtbare Böden können für Weidehaltung herangezogen werden. Ackerflächen können in den Tropen noch wesentlich tiefgründiger sein als in Österreich (mehrere Meter), aber trotzdem nicht unbedingt fruchtbarer, aufgrund niedriger pH Werte, geringem Nährstoffspeichervermögen u.a.m.

    Frage von Alfred Schwarzenberger Redakteur von „Am Schauplatz“
    Antwort von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Dr.h.c.mult. Martin Gerzabek
    16.2.2021

  • Dem Projekt BEAT entnehme ich, dass die Ernährungssicherheit weniger durch den Rückgang der landwirtschaftlichen Flächen bedroht ist, sondern eher durch den Rückgang der Produktivität der Böden auf Grund des Klimawandels. Gibt es hier Daten oder Karten, die sich für unsere Animation eignen könnten? Kann man ausdrücken, wie viel mehr an Boden man aus diesem Grund jährlich zusätzlich für die landwirtschaftliche Nutzung brauchen würde?

    In Österreich ist der Bodenverbrauch nach wie vor eine der wichtigsten Bedrohungen für den Boden, die Situation wird durch den Klimawandel noch zusätzlich verschärft. es sind daher sowohl Maßnahmen zur Eindämmung des Bodenverbrauchs als auch zur Anpassung an den Klimawandel erforderlich. Zur Entwicklung des Bodenverbrauchs, der sich sicher gut animieren ließe, können Ihnen eventuell die Kolleginnen aus dem Umweltbundesamt weiterhelfen. Die im Endbericht publizierten Daten für die Veränderung der Produktivität durch den Klimawandel würden sich sicherlich auch gut für eine Animation eignen. Wir haben allerdings keine dynamischen Daten im Hintergrund, sondern lediglich die unterschiedlichen Szenarien der Gegenwart und Zukunft berechnet.

    Frage von Dipl. Arch. Karoline Mayer, Kuratorin der Ausstellung „Boden für Alle“
    Antwort von Prof. Dr. Andreas Baumgarten
    23.6.2020

  • Wir würden gerne darstellen, wie viel Fläche Österreich im Moment benötigen würde, um ernährungssouverän zu sein. Einerseits bei rein vegetarischer Ernährung, andererseits bei nicht-vegetarischer Ernährung. Meinen Sie, dass Sie hier eine Schätzung wagen könnten? (Diese kann durchaus sehr grob sein!)

    Zum momentanen Zeitpunkt ist bei den aktuellen Ernährungsgewohnheiten keine Ernährungssouveränität gegeben. Eine Schätzung bezüglich der von Ihnen genannten Szenarien ist aus meiner Sicht kaum möglich, da hier zu viele Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Man müsste hier ganz präzise Vorgaben machen, um eine entsprechende Modellierung durchführen zu können.

    Frage von Dipl. Arch. Karoline Mayer, Kuratorin der Ausstellung „Boden für Alle“
    Antwort von Prof. Dr. Andreas Baumgarten
    23.6.2020

  • Wir lesen aus den Daten der Statistik Austria heraus, dass die Ackerflächen in Österreich zwischen 2009 und 2019 nicht wesentlich (3% in 10 Jahren) zurückgegangen sind, was uns sehr gewundert hat. Können Sie das bestätigen? Wissen Sie vielleicht, wie das mit sonstigen landwirtschaftlichen Flächen aussieht?

    Wir haben dazu auch keine anderen Aufzeichnungen

    Frage von Dipl. Arch. Karoline Mayer, Kuratorin der Ausstellung „Boden für Alle“
    Antwort von Prof. Dr. Andreas Baumgarten
    23.6.2020